Wilder Westen – Washington Wein

Schon lange hatte ich meine Reise über den Atlantik und in Washingtons Wein Wilden Westen geplant. Die Koffer waren gepackt, die Tour geplant und meine Einreisedokumente gedruckt. Dennoch fragte ich mich, als ich meine Lufthansamaschine bestieg, ob ich wohl doch an der Grenze angehalten und wieder zurückgeschickt werden würde. Wer weiß schon, was sich The Donald in der Zwischenzeit für neue Einwanderungsgesetze überlegen wird?! In den USA im Jahre 2017 bedeuten 10 Stunden ohne Internet nicht nur 100 unbeantwortete E-Mails, sondern mindestens einen neuen Skandal aus Washington, wenn man wieder Netz hat. Es ging aber nicht in die Hauptstadt der United States, sondern in den gleichnamigen 42. Staat im pazifischen Nordwesten.

Seit vielen Jahren wollte ich Washington State besuchen. Begonnen hat meine Faszination für die Region, als ich bei einem Abendessen in meiner Studenten-WG vor vielen Jahren eine Flasche Chateau St Michelle Syrah entkorkte. Mein Mitbewohner hatte einen Jagdschein, und es gab von ihm geschossenes Wildschwein, geschmort im Ofen in einer Wildschokoladensoße. Der Wein war großartig, tiefgründig und reichhaltig. Er tanzte über unsere Zungen und hielt mit dem reichhaltigen Gericht mit, wie es kaum ein anderer Wein gekonnt hätte. Zum Vergleich hatten wir eine Flasche Tignanello aufgezogen, die aber auf einmal niemanden mehr interessierte … „Washington State – da muss ich mal hin!“ dachte ich damals mit leichtem Kopf.

Blatt Sonne

WUMPP – die Maschine landete hart und ich war wieder zurück in der Gegenwart und in Seattle. In der Welthauptstadt der modernen Kaffeekultur und dem Geburtsort der Internetriesen Amazon ging meine Reise los. Im nah gelegenen Woodinville war der erste Stopp geplant. Von da aus ging es dann weiter über die Cascade Mountains in das Columbia Valley bis ich dann in Walla Walla die Grenze nach Oregon überschreiten sollte. Die Tour war vom Institute of Masters of Wine in Zusammenarbeit mit Washington Wine organisiert. So war klar, dass ich mir keine Gedanken über irgendetwas machen musste. Meine volle Konzentration galt den Weinen und Menschen hinter den Weinen, während ich wie eine Kuh vom einen Weideland zum Nächsten getrieben wurde. Nur gab es bei uns statt Gras großartiges Essen und statt Wasser viel Wein und das eine oder andere Dosenbier.

Gleich zu Beginn viel mir etwas auf, das ich sonst selten auf Weinreisen erlebe. Ich hatte schon mein zweites Weingut besichtigt und noch nicht mal einen kleinen Weinberg entdeckt. Es gab zwar die eine oder andere Dekorebe, aber richtige Weinberge waren in Woodinville weit und breit nicht zu sehen. In Washington sind, wie nur in wenigen Anbaugebieten der Welt, die meisten Weingüter weit von den Reben entfernt. Viele der großen Betriebe, wie Chateau St. Michelle und Columbia Winery, sind in und um die kleine Stadt Woodinville, auf der Westseite der Cascade Mountains, angesiedelt. Dort ist man in der Nähe der großen Städte, das Meer ist nicht weit und die Landschaft ist satt und grün. Es ist aber auch ausgesprochen feucht, was ich nach einigen verregneten Tagen in Seattle bezeugen kann. Diese Wetterbedingungen mögen zwar nützlich sein, wenn man wie ein gejetlaggter Zombi durch die Stadt läuft und Wachbleiben will, für den Weinbau sind aber Niederschläge von bis zu 1300 mm pro Jahr eher schlecht.

Auf der anderen Seite der Cascades sieht es aber ganz anders aus. Man muss sich die Landschaft nur mal auf Google Maps anschauen. Der Westen von Washington State ist grün, der Osten ist braun. Die Bergkette hält die vom Meer kommenden Regenwolken auf, und so regnet es in manchen Bereichen nur 150 mm im Jahr. Ohne Bewässerung wäre in dieser Wüste keine Landwirtschaft möglich und das sieht man auch, wenn man durch die Anbaugebiete fährt. Dort wo keine Bewässerung installiert ist, findet man nur braunes Gestrüpp. Wasser bringt aber der mächtige Columbia River in das Tal und die Winzer zapfen den Fluss an, um Ihre Reben am Leben zu erhalten. So hat man sich dazu entschieden, es den Weingutsmitarbeitern einfach zu machen und die Weinkeller in der Nähe von Seattle gebaut, während die Weinberge ein paar Autostunden entfernt sind. Wenn ich Winzer fragte, ob es nicht problematisch ist, dass die Trauben für viele Hundert Kilometer zu den Weingütern transportiert werden, wurde die Frage mit einem klaren NEIN beantwortet … Ich glaube aber nicht, dass irgendein Winzer behaupten würde, dass das die beste Lösung für die Weinqualität ist.

Weinberge

Richtig überrascht wurde ich aber in Washington State von einem Vortrag über die Geologie der Region. Ich saß mit offenem Mund da, während Dr Kevin Pogue, einer der führenden Experten für Weingeologie in der Welt, erklärte, was die Landschaft von Washington State über die Zeitalter geformt hat. In einer Region, wo sich die pazifische- und die nordamerikanische Platte aneinander reiben, gibt es auch heute noch reichlich vulkanische Aktivität. Vor 17 Millionen Jahren begann sich die Region aber langsam mit Lava zu füllen. Die glühende Erdmasse wurde nicht aus kegelförmigen Vulkanen geschleudert, sondern quoll langsam aus riesigen Spalten in der Erdkruste, bis eine Fläche von der Größe des Vereinigten Königreichs mit Lava bedeckt war. So hat Washington State heute eines der größten Basaltvorkommen der Welt.

Was aber dann passierte, muss wahrhaftig sehenswert gewesen sein. Am Ende der letzten Eiszeit wurde die gesamte Region von apokalyptischen Fluten heimgesucht. Im Norden Amerikas sammelte sich Schmelzwasser in Seen an, bis die Eisdämme, die sie umschlossen, brachen. 50 bis 100 Mal rollte eine riesige Flutwelle durch das Columbia Valley und bedeckte die Landschaft mit einer hunderte Meter tiefen Wasserdecke. Innerhalb kürzester Zeit wurde alles, was im Weg von den tausenden Kubikkilometer Wasser war weggespült. Die Kraft der Welle war so groß, dass sie ganze Hügelketten aufsprengte. Was übrig blieb, war Verwüstung, riesige Gesteinsbrocken und Dreck … und dann kam der Wind!

Wind fegte über das Land, wirbelte den Boden auf und verteilten die leichten Böden in der Region. Diese Bodenart nennt man äolisch, nach dem griechischen Windgott Aeolus, da sie fast ausschließlich von Wind nach Washington State getragen wurde. Laut Pogue ist das Columbia Valley das weltweit größte Anbaugebiet, in dem die Reben primär auf äolischen Böden wachsen … Eine zweifelhafte Auszeichnung, aber eine Besonderheit. Der Boden hier setzt sich größtenteils aus Löss zusammen, der sich laut Pogue gut für den Weinbau in dieser trockenen und heißen Gegend eignet, weil er eine gute Wasserspeicherkapazität hat und nicht so schnell aufheizt. Trotzdem ist hier Weinbau in den meisten Lagen unmöglich ohne Bewässerung.

Weine

Aber jetzt mal zu den Weinen … Es ist zwar wichtig, wie die Weine angebaut werden und was mit den Trauben im Keller passiert – und da gibt es in Washington einige spannende Geschichten zu erzählen – aber schlussendlich kommt es doch immer auf die Qualität im Glas an. Da bin ich in meiner Einschätzung gespalten. Ich war schließlich einmal um die halbe Welt gereist, um an meine ersten Erlebnisse mit Washington State anzuknüpfen und die Winzer haben mir auf meiner Reise auch nur das Beste vom Besten in die Kelche geschüttet. Manche Weine waren großartig – nicht alles hat mich überzeugt. Dafür gibt es wahrscheinlich tausend Gründe, ich habe aber zwei Probleme identifiziert …

Die Auswahl der Rebsorten

Washington State stand mal für Merlot. Das wollen die Winzer aber heute nicht mehr so gerne hören, denn Merlot ist immer noch unpopulär in den USA. Man mag es kaum glauben, aber viele Winzer, mit denen ich über dieses Thema geredet habe, sprachen weiterhin vom Einfluss des Films Sideways auf das Konsumverhalten der Weintrinker in den USA. „Sideways? Dieser alte Hut?!“ dachte ich nur und überlegte, was die Winzer im Pomerol machen würden, wenn ein Charakter in einer französischen Komödie ein Merlothasser wäre. Sicherlich würden sie nicht anfangen, mehr Cabernet zu pflanzen. Aber die Winzer in Washington State sind sehr marktbewusst und so stehen die Cabernets und Bordeaux Cuvees in den Kellern im Vordergrund, obwohl mir oft die reinsortigen Merlots besser gefallen haben.

Merlot

Mit Riesling haben sich die Winzer eine kleine Nische herausgearbeitet, viele der Weine waren aber zu sehr durch Petrolnoten dominiert und auch die besseren Exemplare kommen für mich nicht an große Rieslinge aus dem Rest der Welt ran. Eine Rebsorte, die hier viel Potenzial hat, ist Syrah. Sie ist nur die fünft meist gepflanzte Sorte, könnte aber bald zu einer der wichtigsten Rebsorten für die Region werden. In Washington State wird noch viel experimentiert, und das ist auch richtig so, denn der Weinbau steckt hier ja noch in den Kindesschuhen. Ich würde mir aber wünschen, dass die Winzer hier weniger auf Weinkritiker, Markttrends und ihre Nachbarn in Kalifornien achten würden, sondern sich auf die Rebsorten konzentrieren, die die besten Qualitäten hervorbringen.

Probleme mit Überreife

Ein Problem, das Kalifornien und Washington gemein haben, ist die Überreife. Zwar wird einem in Washington an jeder Ecke erzählt, dass die Weinberge auf derselben Höhe liegen wie das Bordeaux. Das hilft aber niemanden weiter, denn das Klima, die Böden und der Weinbau sind grundverschieden und dann macht es auch keinen Unterschied, wenn sich zwei Regionen einen Breitengrad teilen. Der Hauptunterschied, im Vergleich zum Bordeaux, ist die Abwesenheit von Regen in der amerikanischen Region. Das Columbia Valley hat weniger als ein Drittel der Regenmenge des Bordeaux und die Reifezeit bis spät in den Herbst ist staubtrocken. Wenn die Winzer im Bordeaux bereits panisch Ihre Trauben eingesammelt haben, um dem Regen zu entgehen, können die Trauben in Washington weiterreifen, Zucker aufbauen und Säure abbauen.

Bewässerung

Das mag zwar für manchen Winzer in Nordeuropa großartig klingen, den Weinen fehlt es aber oftmals an Frische und die Alkohollevels sind viel zu hoch. So habe ich mehrere Weine mit einem pH von 4 oder höher probiert, was nicht nur als Kennzahl außergewöhnlich ist, sondern auch oftmals wenig Spaß am Gaumen gemacht hat. Das eine späte Lese möglich ist, heißt nicht, dass sie auch besser ist. Alkohol und reife Fruchtaromen sind betörend, die großen Weine der Welt kombinieren aber Reichhaltigkeit immer mit Frische und Eleganz. Die Weine, die die richtige Balance treffen waren großartig, aber manche waren einfach nur abstrus.

 

Meine Reisen in verhältnismäßig junge Anbaugebiete sind meist besonders spannend. Hier kann man noch mit den Vätern der Weinbranche an einem Tisch sitzen und sich Geschichten voll Abenteuer und Pioniergeist anhören. Im Wilden Westen der USA ist das möglich, und ich freue mich schon darauf, die Region in 40 oder 50 Jahren das letzte Mal zu besuchen und mir staunend anzuschauen, was sich hier alles getan hat. Meine erste Reise hat mir viel Hoffnung gemacht, hat aber auch ein paar Fragen aufgeworfen. Besonders wichtig ist es, dass die Winzer hier mit den richtigen Rebsorten die Weine herstellen, die Kraft mit Eleganz verbinden. Ich will nicht, wie von einem breitschultrigen Boxer aus den Schuhen gehauen werden, sondern eher aufgrund der Qualität von den Socken sein. Können die Winzer das schaffen? Ich denke zurück an eine bessere Zeit in den USA und sage beherzt: Washington – Yes, you can!

 

Meine Reise durch den Pazifischen Nordwesten führte mich als nächstes nach Oregon. Dazu bald mehr …

 

Einige empfehlenswerte Weingüter sind:

Gramercy Cellars – der Shooting Star mit enorm eleganten Syrahs

Cayuse – verrückter Winzer, abgefahrene Weine

Woodward Canyon – einer der Pioniere, sehr gute Weine aus den Bordeaux Rebsorten

Cote Bonneville – eine spannende Entdeckung! Hier gibt es die ganze Palette mit sehr gutem Riesling, Chardonnay, Syrah und Cabernet

Chateau Ste. Michelle – der Klassiker, einer der größten Betriebe und am ehesten erhältlich in Deutschland. Fun Fact: Ste. Michelle ist das Weingut mit der größten Rieslingfläche weltweit

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